„Böse Wörter“ weggezaubert

Kleine Hexe zaubert "böse Wörter" weg! (Bild: MaMi)

Kleine Hexe passt sich sprachlichem Wandel an

Otfried Preußlers Kleine Hexe erscheint im Juli in einer angepassten Neuauflage. Begriffe, die Kinder diskriminieren könnten oder unverständlich sind, hat der Verlag ersetzt. Schon immer wurden Kinderbücher korrigiert oder angepasst, um sie zeitlos zu erhalten.

„Der Fasching im Walde hat sich globalisiert“, meint die „Welt“ zur Neuausgabe der Kleinen Hexe. Statt Negerlein, Türken, Eskimos und Hottentotten trifft Otfried Preußlers Kinderheldin ab dem 15. Juli auf Messerwerfer, Cowboys, Indianer und Seeräuber. Die abenteuerliche Atmosphäre sollte erhalten bleiben, aber ohne dass sich einer der jungen Leser diskriminiert fühlen könnte.

Klaus Willberg, Chef des Thienemann-Verlags, hatte die Debatte ganz unfreiwillig ausgelöst: Im Januar kündigte er eine Neuausgabe von Preußlers Kleiner Hexe an – erstmals mit bunten Bildern illustriert. Bei der Gelegenheit fand er es passend, auch den unzeitgemäßen Begriff „Neger“ zu ersetzen; die Stimmen der Kritiker wurden laut! Eltern beschwerten sich in Briefen über Preußlers Wortwahl vor mehr als 50 Jahren. Änderungsgegner bezeichneten den Verlag als „Kulturverbrecher“ und „Bücherschänder“, sprachen sogar von „neumodischer Bücherverbrennung“. Die „Zeit“ schimpfte auf „Die Kleine Hexenjagd“ und Familienministerin Kristina Schröder (CDU) erklärte, dass sie selbst anstößige Wörter beim Vorlesen ersetzen würde. Entscheidend war jedoch ein Brief von Mekonnen Mesghena, der bei der Heinrich-Böll-Stiftung Referent für Migration & Diversity ist – und Vater einer siebenjährigen Tochter. Das farbige Mädchen habe sich beim Lesen beleidigt und ausgeschlossen gefühlt, gab er an, und das solle schließlich keinem Kind so gehen.

Pippi und ihre Freunde gehen mit der Zeit

Kleine Abenteurer kommen heute aus allen Kulturen (Bild: Jasmin Merdan)

Kleine Abenteurer kommen heute aus allen Kulturen (Bild: Jasmin Merdan)

1998 formulierte Preußler selbst die Maxime: „Der Autor muss sich darüber im Klaren sein, welche sprachlichen Formen er beispielsweise einem Sechs- oder Siebenjährigen zumuten kann.“ Mittlerweile sind die ersten Leser der Kleinen Hexe schon sechzig oder siebzig. Die Eltern der Kinder von heute verstehen viele Begriffe selbst nicht mehr. Auch der Thienemann-Verlag, der die Kleine Hexe herausgibt, fragte sich, ob es sinnvoll ist, solche Wörter noch zu verwenden.

Dass früher die „Dirne“ ein junges Mädchen und das „Weib“ ein normales Wort für Frau war, wissen heutzutage die wenigsten Kinder. Ebenso müssen die „Muhme“ und der „Gevatter“ ihren modernen Vertretern Platz machen. Die Authentizität des Werkes solle der sprachlichen Weiterentwicklung untergeordnet werden, meint Verleger Klaus Willberg. Die Gesellschaft ist heute bunter und Kinder haben einen anderen ethischen Hintergrund. Insofern sollen die Änderungen in der Kleinen Hexe weniger der politischen Korrektheit gehorchen, sondern eher der Einsicht in den Sprachstand der Sechsjährigen. Bezeichnungen aus den Fünfzigern entsprechen meist nicht mehr dem aktuellen Menschenbild.

Otfried Preußler selbst hat in den letzten Jahrzehnten häufig Änderungen nachgereicht und altmodische Begriffe ersetzt. Über 70 Änderungen gab es allein bei der 66. Auflage der Kleinen Hexe:
Wer früher „verbläut“ wurde, darf heute „verhauen“ werden, wer sich damals „dazuhalten“ musste, soll sich jetzt lieber „beeilen“.

Die Anpassung von Handlung, Sprache oder einzelnen Wörtern ist heute eher die Regel als die Ausnahme. Seit Jahrhunderten geht es den Kinderbuch-Klassikern so: Robinson Crusoe, Gullivers Reisen und Oliver Twist haben sich stillschweigend dem heutigen Verständnis angepasst. Eine ganze Odysee von Überarbeitungen haben Astrid Lindgrens Geschichten hinter sich: Im Deutschland der Nachkriegszeit fand man Pippi Langstrumpfs Freund „Tommy“ unpassend, da man ihn mit der britischen Besatzungsmacht assoziierte. Für ein paar Jahrzehnte änderte man ihn in „Thomas“ ab. Das Wort „negro“ strich man in England schon in den Fünfzigern. Auch Michel aus Lönneberga durfte hierzulande seinen Original-Namen „Emil“ nicht behalten, da der bereits mit Erich Kästners Detektiven unterwegs war. Bei Michael Ende wurde nicht anders verfahren. Auch Otfried Preußler ließ seinen Kleinen Wassermann in der Neuzeit nicht mehr „Wäsche schweifen“ und „ausbrühen“, sondern in Seifenlauge spülen und mit heißem Wasser auswaschen.

Das findet Pippi gut: Kinderbücher sollen für alle sein! (Bild: photophonie)

Das findet Pippi gut: Kinderbücher sollen für alle sein! (Bild: photophonie)

All das hält Willmann für notwendig, denn „nur so bleiben Bücher zeitlos“. Statt Morgenländer mit Turban stellen sich Kinder unter Türken jetzt Erkan und Stefan vor. Mit Cowboys und Indianern können sie etwas anfangen. Eine Zensur im Sinne des Grundgesetzes ist das nicht, sondern nur eine nachträgliche Anpassung.

Mit dem Segen des Autors

Die Alternativen in der Wortwahl schlug Preußlers Familie vor. Der Autor selbst soll sie noch vor seinem Tod abgesegnet haben. Tochter Susanne Preußler-Bitsch meint dazu, es sei „im Interesse der Kinder, die selbstständig lesen, dass man diese „unfreundlichen“ Wörter streicht und da, wo das nicht geht, durch geeignete ersetzt“.

Otfried Preußler starb im Januar im Alter von 89 Jahren. Er schrieb mehr als 30 Kinder- und Jugendbuchklassiker, unter anderem den Räuber Hotzenplotz, Das kleine Gespenst und Krabat. Seine Werke erreichten eine Gesamtauflage von rund 50 Millionen Exemplaren und wurden in 50 Sprachen übersetzt. Die Kleine Hexe erhielt 1958 den Deutschen Jugendbuchpreis.

Klaus Willberg will jetzt auch die anderen Klassiker seines Verlags überprüfen lassen, und Mekonnen Mesghena freut es, dass Kinder nun nicht mehr „beim fröhlichen Lesen über ausgrenzende Begriffe stolpern“. Auch Otfried Preußler hätte das so gesehen, denn: „Was du für Kinder schreibst, musst du vor deinem Gewissen für Menschenkinder verantworten können.“

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